Mit Kindern über Rassismus sprechen

Mit Kindern über Rassismus sprechen


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Datum der Veröffentlichung Veröffentlicht von Christina Kettler am Mittwoch, 3. Juni 2020, 13:24 Uhr
Mit Kindern über Rassismus sprechen

Seit einer Woche beherrscht neben Corona noch ein anderes Thema die Medien: der gewaltsame Tod von George Floyd löst Demonstrationen, Ausscheitungen und Diskussionen über strukturellen Rassismus aus.
Auch in Deutschland finden #blacklivesmatter Demos statt, denn wir können nicht mit dem Finger auf die USA zeigen. In Deutschland starben in 2018 14 Menschen an Polizeigewalt (The Decolonial Atlas) und auch hier sind der strukturelle Rassismus verwurzelt und der alltäglich Rassismus verbreitet, nicht nur bei Nazis.

Jetzt, wo viele Eltern in dem Versuch Home-Office und Home-Schooling unter einen Hut zu bekommen, erlauben viele ihren Kindern mehr Screentime als sonst. Und so steigen die Chancen, dass auch Kinder das Video sehen, in dem ein schwarzer Mann durch einen Polizisten stirbt. Und selbst, wenn sie es nicht direkt sehen, werden sie doch davon erfahren und es wird Gefühle in ihnen auslösen. Dann brauchen sie einen vertrauten Erwachsenen, der in der Lage ist, mit Ihnen darüber zu sprechen.

Hier gilt es, zunächst gut für sich selbst zu sorgen, die sprichwörtliche Sauerstoffmaske zunächst sich selbst aufzusetzen. Wenn wir traumatische Bilder sehen, lösen diese eine Stressreaktion im Körper aus. Es ist also gut, ein paar Mal tief durchzuatmen, die Füße auf dem Boden zu spüren, um sich selbst zu beruhigen. es geht hier nicht darum, Wut und Furcht durch eine rosa Wolke abzulösen, sondern darum, in der Lage zu sein, ruhig mit dem Kind zu sprechen und nicht mehr zu sagen, als dein Kind verarbeiten kann.


Babys und Kleinkinder

Babys und Kleinkinder verstehen die großen Zusammenhänge noch nicht, aber sie nehmen sehr sensibel wahr, wie sich der motionale Zustand ihrer Bezugspersonen verändert. So wichtig es ist, sich über die Entwicklung der Dinge zu informieren, so wichtig ist es auch, die Zeit für Nachrichten zu begrenzen, um sich in Ruhe wieder dem Familienalltag zu widmen und den Kleinsten ein Gefühl von Sicherheit in der Normalität zu vermitteln.

Rassistische Vorstellungen werden in einem unglaublich jungen Alter geprägt. Es ist beinehe wie eine Sprache zu lernen und beginnt mit ca 6 Monaten. Es kann auch ohne das Zutun der Eltern einfach durch die Einflüsse der Mehrheitskultur geschehen.

Gerade für weiße Kinder ist es daher wichtig, positive Erzählungen über Kinder mit dunkler Hautfarbe zu hören und zu sehen. Ausgewählte Kinderbücher können da sehr hilfreich sein.

Kindergarten

Im Kindergartenalter fragen Kinder nach den unterschiedlichen Hautfarben. Jetzt ist es gut, die wahrgenommenen Unterschiede positiv zu benenen: "Ist es nicht wunderbar, dass wir alle so unterschiedlich sind?" Sprechen Sie aber nicht nur über starke gegensätze, sondern entdecken Sie zum Beispiel auch innerhalb ihrer Familie durch den vergleich der Haut an den Armen verschiedene Farbtöne. 

Drastische Videobilder von Gewalt werden in diesem Alter besonders intensiv wahrgenommen, daher sollten Kinder in diesem Alter nicht freien Zugang zu Geräten haben und möglichst beim  Videokonsum begleitet werden.

Trotzdem werden auch gut abgeschirmte Kinder etwas von den Vorgängen mitbekommen. Frragen Sie sie, was sie wissen und was sie davon denken. Fragen Sie vor allem, wie sie sich dabei fühlen.

Auch für dieses Alter gibt es eine ganze Menge Bilderbücher, die das Thema der Unterschiedlichkeit, Vorurteilen und Ungerchtigkeit sensibel aufgreifen.

Wichtig ist aber auch, mit seinem Kind nicht nur über die Dinge zu reden. Entscheidend ist auch, was man ihm vorlebt. Wie viel Diversität zeige ich meinem Kind im Alltag? Es gibt auf Plattformen wie Tebalou zum Beispiel sehr viele Kinderbücher, in denen Diversität selbstverständlich dargestellt wird, aber auch diverses Spielzeug, Buntstifte in verschiedenen Hautfarben.

Grundschule

Kinder nehmen schon sehr früh wahr, wo sie in einer Hierarchie stehen. Das heißt, ob sie zu einer privilegierten Gruppe gehören oder zur Gruppe derer, die unterdrückt werden. Das wissen sie spätestens ab der Grundschule.

Die Situation in den USA ist ja nicht einzigartig oder neu. Ein Mord ist da nur die Spitze des Eisbergs. Wichtig ist, meinem Kind gegenüber das Thema Rassismus insgesamt aufzugreifen - wozu die aktuelle Debatte natürlich ein Einstiegspunkt sein kann.

Sind ihre Kinder schon in der Schule, sprechen Sie auch darüber wie sich die Leute die demonstrieren und ihre Wut zeigen, wohl fühlen. Fragen Sie: "Wie fühlst du dich, wenn du dich ungerecht behandelt fühlst?"

Auch für Schulkinder gibt es interessante Bücher, um, das Thema zu vertiefen.

Teenager

haben durch das eigene Smartphone einen direkten Zugang zu den Bildern von Polizeigewalt und gewalttätigen Ausschreitungen. In diesem Alter regulieren sie viel indem sie sich mit ihren Freunden austauschen, chatten und sich online informieren. Sie verstehen mehr von den Zusammenhängen, haben Vorsellungen davon, dass dies nicht nur ein aktuelles Problem ist und können sich mit Ihren Eltern und anderen Erwachsenen über ihre Sichtweise austauschen. 

Eltern sollten auch ihre älteren Kinder fragen, was sie über die Situation denken, wissen und wie sie darüber fühlen. Auch wenn Teenager oft nicht gleich bereit sind sich zu offenbaren ist es wichtig Gesprächsbereitschaft zu signalisieren. 

Gute Empfehlungen zu antirassistischen Jugendbüchern finden Sie bei Stefan Mesch.

Und wenn Sie sich vielleicht angeregt durch die Gespräche mit ihren Kindern, selbst zum Thema Antirassismus weiterbilden wollen, ist das Buch "Exit Racism" von Tupoke Ogette ein guter Anfang.

(Inspirert durch einen Artikel von CNN)